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THOMAS GARRIGUE MASARYK

Biographie

Jugend- und Studienzeit (1850 - 1882)

1. Kindheit und Schulzeit (1850-1863) 2. Praktikanten- und Gymnasialzeit (1863-1872) 3. Studium und Habilitation (1872-1882)

1. Kindheit und Schulzeit (1850 -1863)

Als Thomas Masaryk am 7. März 1850 im mährisch-slowakischen Städtchen Hodonín (Göding) als Bürger der österreichischen Monarchie zur Welt kommt, ist diese infolge der dramatischen Ereignisse der Jahre 1848 und 1849 vollauf mit der inneren Konsolidierung beschäftigt.

Kaum ein halbes Jahr vor Masaryks Geburt war der Aufstand der Ungarn, ein eigentlicher Freiheitskrieg, niedergeworfen worden, nachdem die österreichischen Truppen wenige Monate vorher die Erhebungen in Norditalien hatten bekämpfen müssen. Seit 1848 hatte das Reich nicht nur einen neuen, jungen Kaiser (Franz Joseph I., geb. 1830), es war auch keine absolute Monarchie mehr. Nach gewalttätigen Auseinandersetzungen in Wien, Prag und anderswo war es dem liberalen Bürgertum gelungen, der absolutistischen Staatsmacht eine Verfassung abzuringen, die allerdings einseitig vom Kaiser erlassen und von ihm schon 1849 durch eine neue, stark zentralistische Verfassung ersetzt wurde. Immerhin sah diese eine gemeinsame Gesetzgebungskompetenz von Kaiser und Reichstag bzw. Landtagen vor und garantierte verschiedene Grundrechte (Religionsfreiheit, Meinungsäusserungsfreiheit, einschliesslich Pressefreiheit, Vereinsfreiheit u.a.). Die Verfassung von 1849 wurde aber bereits 1851 aufgehoben und ein straffer Einheitsstaat ins Leben gerufen. So wurden die Erschütterungen, welche die absolutistische Herrschaftsform erlitten hatte, allmählich aufgefangen, um Schritt für Schritt die Phase des Neoabsolutismus einzuleiten. Dieser unterschied sich vom alten Absolutismus (vor 1848) im wesentlichen nur dadurch, dass er sich mit äusserlichen, jedoch weitgehend inhaltsleeren Attributen des Verfassungsstaates schmückte und eine etwas fortschrittlichere Politik praktizierte. Die Gesetzgebung wurde wiederum ausschliesslich dem Kaiser zugewiesen, Mitwirkungsmöglichkeiten anderer Organe gab es nicht. Der neugeschaffene Reichsrat war kein Parlament, sondern ein rein beratendes Gremium, dessen Mitglieder vom Kaiser ernannt wurden. Auch die Exekutivkompetenzen befanden sich ausschliesslich in der Hand des Kaisers, obgleich es formell eine Ministerialregierung gab. Die Justiz war zwar organisatorisch eigenständig, doch bestand keine Garantie der richterlichen Unabhängigkeit. Zugleich wurden ausser der Religionsfreiheit und der Gleichheit der Staatsbürger vor dem Gesetz alle Grundrechte annulliert. Föderalistische Einrichtungen und Minderheitenrechte waren nicht einmal im Ansatz vorhanden; im Gegenteil, die Ära war durch eine systematische Germanisierung der nichtdeutschsprachigen Länder der Monarchie gekennzeichnet.

Als eines der wenigen bleibenden fruchtbaren Ergebnisse der Revolution von 1848 war die Abschaffung der Leibeigenschaft und des Frondienstes zu verzeichnen, die sich auch auf Masaryks slowakischen Vater, Kutscher auf kaiserlichen Gütern, bezog. Dieser blieb jedoch in Denken und Handeln dem alten Untertanenverhältnis verhaftet und beeinflusste seinen erstgeborenen Sohn Thomas insofern kaum in positivem Sinne. Der grobe Umgang der Vorgesetzten mit seinem Vater gehörte zu den ersten, ein Leben lang unvergessenen sozialen Eindrücken des Knaben. Von weitaus grösserer Bedeutung als der Vater war für ihn die ursprünglich deutschsprachige, tief religiöse Mutter, von Beruf Köchin und Dienstmagd, die zehn Jahre älter als ihr Mann war und in der Familie das Sagen hatte. Sie übte auf Thomas einen starken Einfluss aus. Das Leben der Oberschicht aus nächster Nähe kennend, war sie bestrebt, ihren Kindern eine bessere Existenz zu ermöglichen als es ihre eigene war, und förderte daher den Schulbesuch von Thomas. Wegen des Berufs des Vaters führte die Familie ein unstetes Leben, und Thomas besuchte die Grundschule in verschiedenen Ortschaften der Region.

Mit 11 Jahren begann Masaryk den zweijährigen Besuch einer (deutschsprachigen) Realschule. Sein Vater hatte hiefür die Einwilligung der Obrigkeit einholen müssen - so ausgeprägt waren noch die Nachwirkungen der eigentlich aufgehobenen Feudalverhältnisse. Im gesamtstaatlichen Massstab wies dagegen die Entwicklung in Richtung allmählicher Liberalisierung; der Neoabsolutismus in Österreich war am Abbröckeln. Einer der Gründe war der 1859 verlorene Krieg gegen Frankreich und Sardinien, der Österreich immense materielle Güter gekostet hatte und eine aussenpolitische Schwächung des Landes bewirkte. Die Aufdeckung bis in höchste Regierungs- und Armeekreise reichender Korruptionsskandale tat das Ihre zur Steigerung der innenpolitischen Krise. Der Kaiser sah sich zu Reformschritten veranlasst. Auf Antrag der autonomistisch-föderalistisch denkenden Reichsratsmehrheit erliess er 1860 das sogenannte Oktoberdiplom, eine Art Rahmenverfassung, die u.a. die Rückkehr zur Mitwirkung parlamentarischer Gremien (Reichsrat und Landtage) versprach, allen Völkern des Reichs die Gleichberechtigung zusicherte und föderalistische Neuerungen ankündigte. Freilich wurden die Reformideen des Oktoberdiploms durch das sogenannte Februarpatent von 1861 stark relativiert. Obgleich es für sich in Anspruch nahm, ein Ausführungserlass des Oktoberdiploms zu sein, lief es dessen Grundgedanken zuwider und räumte zentralistischen Tendenzen den Vorrang ein. Die Aussenpolitik und das Militärwesen blieben in absolutistischer Manier ausschliessliche kaiserliche Kompetenz. Ansonsten aber wurden dem Reichsrat, d.h. dem Parlament in Wien, zahlreiche Kompetenzen zugewiesen (etwa die Zustimmung zu Reichsgesetzen), womit seine Stellung gegenüber dem Monarchen klar verstärkt wurde. Eine Verantwortlichkeit der Exekutive gegenüber dem Reichsrat war allerdings nicht vorgesehen; der Reichsrat drängte den Kaiser aber kurz darauf mit Erfolg zu einem entsprechenden Zugeständnis. Ebensowenig wurden Grundrechte verankert, doch erliess der Reichsrat in den nachfolgenden Jahren mehrere Gesetze, die gewisse Grundrechte garantierten. Insgesamt betrachtet, war die Februarverfassung gegenüber dem Absolutismus der fünfziger Jahre trotz allem ein gewisser Fortschritt, ohne jedoch einen Beitrag zur Lösung der Nationalitätenprobleme des Vielvölkerstaates zu leisten. Namentlich die Ungarn anerkannten die Februarverfassung nicht und boykottierten den Reichsrat.

2. Praktikanten- und Gymnasialzeit (1863 - 1872)

Es war beabsichtigt, Masaryk nach Abschluss der Realschule (1863) an ein Lehrerseminar zu schicken. Da er dafür aber noch zu jung war, musste er inzwischen anderweitig beschäftigt werden. Auf Wunsch der Eltern ging er als Lehrling in eine Kunstschlosserei nach Wien, von wo er aber nach wenigen Wochen wegen der Eintönigkeit der ihm anvertrauten Arbeit und von Heimweh geplagt zurück nach Hause floh. So ging er in die Lehre zum Dorfschmied, blieb dort aber nur ein halbes Jahr, obwohl er an der Arbeit Gefallen fand. Er ergriff seine Chance, als ihm ein Lehrer, der ihn von der Realschule her kannte, eine Stelle als Lehrerpraktikant im Nachbarstädtchen vermittelte; dort blieb er dann von 1864 bis 1865. Zugleich lernte er aus eigenem Antrieb Latein. Auf Anraten eines ihm nahestehenden katholischen Priesters legte er eine Aufnahmeprüfung ab und konnte ab 1865 das deutsche Gymnasium in der mährischen Hauptstadt Brünn besuchen. Diesem Priester, der ihn während der Brünner Schulzeit hin und wieder auch finanziell unterstützte, verdankte Masaryk den Beginn seiner akademischen Laufbahn. Die Charaktereigenschaften, die er in sich vereinigte, machten dem jungen Masaryk einen tiefen Eindruck: aufrichtige Religiosität, soziales Empfinden, Streben nach Erkenntnis und Aufbegehren gegen eine kleinkarierte Obrigkeit.

In Brünn musste der 15jährige Masaryk für seinen kargen Lebensunterhalt selber sorgen. Da er am Gymnasium zu den besten Schülern zählte, wurde er dem Brünner Polizeidirektor, einem kultivierten und gebildeten Mann, als Hauslehrer für dessen Sohn empfohlen. Masaryk erhielt die Stelle, womit seine ärgsten finanziellen Sorgen beseitigt waren. Diese neue Beziehung zum Polizeidirektor und zu seiner Familie wurde für ihn nach wenigen Jahren noch in anderer Hinsicht bedeutsam. Bei Auseinandersetzungen zwischen deutschen und tschechischen Schülern des Brünner Gymnasiums, an denen sich Masaryk als Tscheche beteiligte, wurde ihm erstmals nicht nur der deutsch-tschechische Nationalitätenkonflikt bewusst, es begann sich überhaupt erst sein nationales Empfinden zu entwickeln. Er las in grossen Mengen Literatur über die tschechische Geschichte. Dennoch waren Prag und das Königreich Böhmen für Masaryk damals weit weg und unbekannt. Es gibt keine Hinweise darauf, dass ihn im damaligen Zeitpunkt die Hoffnungen der Tschechen auf eine Krönung Franz Josephs zum böhmischen König in irgendeiner Weise berührt hätten.

Wegen anhaltender Schwierigkeiten mit diversen Nationen des Kaiserreichs, namentlich den Ungarn und den Tschechen, und der aufsteigenden Gefahr eines Kriegs zwischen Österreich und Preussen sah sich Kaiser Franz Joseph 1865 veranlasst, die Februarverfassung von 1861 zu suspendieren und eine neue Verfassungsordnung ausarbeiten zu lassen. Nachdem er den Tschechen bereits 1861 versprochen hatte, sich zum König von Böhmen krönen zu lassen, wurde ihnen dies von Regierungsseite erneut zugesichert. Die Einlösung dieses Versprechens hätte zur Anerkennung der Unteilbarkeit der historischen Länder der böhmischen Krone (Böhmen, Mähren, Schlesien) und zu einer von den Tschechen seit langem ersehnten staatsrechtlichen Aufwertung des Königreichs Böhmen ("böhmisches Staatsrecht") mit seiner zu zwei Dritteln tschechischen Bevölkerung geführt. Auch die Ungarn beharrten auf ihren nationalen Forderungen und einer Krönung Franz Josephs zum König von Ungarn.

1866 brach der österreichisch-preussische Krieg aus. Mit einigen Mitschülern setzte sich Masaryk in den Kopf, mit in den Krieg gegen die Preussen zu ziehen. Daraus wurde zwar nichts, doch kam er in persönlichen Kontakt mit den vor den Preussen zurückweichenden österreichischen Soldaten. Die Armee Österreichs wurde bei Königgrätz geschlagen, und die Preussen besetzten Prag, dessen Bevölkerung - ob nun deutsch- oder tschechischsprachig - sich hinter Österreich stellte.

Nach dem Friedensschluss von Prag (1866) hatte Österreich seine Vormachtstellung im Deutschen Bund und in Italien verloren. Das blieb nicht ohne Auswirkungen auf die Innenpolitik der geschwächten Regierungskreise. Am 20. April 1867 gewährte Kaiser Franz Joseph den Ungarn die ihnen gemäss der seinerzeit kaiserlich sanktionierten ungarischen Verfassung von 1848 zustehenden Rechte: Dies war der sogenannte Ausgleich, der aus Österreich die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn machte. Gemeinsam waren den beiden Landesteilen das Staatsoberhaupt, die Aussenpolitik, die Landesverteidigung und das Finanzwesen bezüglich dieser gemeinsamen Angelegenheiten. Damit wurde zwar das Verhältnis zu den Ungarn entspannt, doch gleichzeitig jenes zu den anderen Nationen der Monarchie, besonders den Tschechen, gefährlich belastet. Diese verlangten nach einer ähnlichen Anerkennung, wie sie den Ungarn gewährt wurde, und fühlten sich von nun an doppelt benachteiligt. Die für die nichtungarische Reichshälfte geltende neue Verfassung vom 21. Dezember 1867 vermochte die erregten Gemüter der Enttäuschten nicht zu besänftigen. Die durchaus freiheitlichen Grundsätze dieser Verfassung (Rede-, Presse-, Versammlungs-, Glaubens- und Gewissensfreiheit), von denen die Tschechen regen Gebrauch machten, standen in krassem Gegensatz zur zentralistischen Bevormundung der nichtdeutschen Nationen. Die "Dezemberverfassung" galt, mehrfach geändert, bis zur Auflösung der Monarchie im Jahre 1918.

Masaryk schloss die Ausbildung am Gymnasium in Brünn nicht ab. 1869 wurde er wegen einer heftigen Auseinandersetzung mit dem Rektor von der Schule gewiesen. Vor dem Nichts stehend fuhr Masaryk nach Wien, wo er - mit einem Zwischenjahr in Leipzig - bis 1882 bleiben sollte. Nach Prag zu gehen, kam ihm gar nicht in den Sinn; Mähren war damals ausschliesslich auf Wien ausgerichtet. Zudem hatte Masaryk, obgleich seine Muttersprache das Tschechische (bzw. der südmährische Dialekt) war, seine bisherige Ausbildung mehrheitlich in deutscher Sprache absolviert. Entscheidend mochte für Masaryk jedoch gewesen sein, dass der Brünner Polizeidirektor, dessen Sohn er unterrichtete, gerade nach Wien berufen worden war und er ihm dorthin folgen konnte. Er lebte bei seiner Familie und hatte Zugang zu seiner umfangreichen Bibliothek. Die in Brünn unterbrochene Ausbildung setzte Masaryk am Wiener Akademischen Gymnasium fort, einer der bestrenommierten Schulen der Stadt. Sein Schuleifer nahm indessen nach und nach merklich ab; er widmete seine Zeit lieber der Beschäftigung mit Philosophie, Geschichte, Kunst, Literatur und Fremdsprachen. In allen diesen Beschäftigungen äusserte sich ein geradezu unbändiger Wissensdurst, der sich schon beim Realschüler bemerkbar gemacht hatte. Die Belletristik hatte Masaryk schon früh gepackt und liess ihn bis zum Lebensende nicht mehr los; nach und nach machte er sich neben antiken Autoren vertraut etwa mit Lessing, Goethe (der in Masaryks Werken immer wieder auftaucht), Schiller, Rabelais, Balzac, Sand, Hugo, Zola, Shakespeare, Byron, Brontë, Wells sowie mit südeuropäischer, russischer, skandinavischer und amerikanischer Literatur. Besonders gern mochte er die Poesie. Mehrere Fremdsprachen hatte sich Masaryk angeeignet, um sich mit der Literatur des jeweiligen Landes unmittelbar beschäftigen zu können. Zu seinen Muttersprachen Tschechisch, Slowakisch und eigentlich auch Deutsch lernte er im Laufe der Jahre Französisch, Englisch, Italienisch, Russisch und Ungarisch.

1870 gewann Deutschland den Krieg gegen Frankreich. Die 1871 erfolgte Gründung des Deutschen Reiches, einer neuen Grossmacht im europäischen Staatengefüge, zwang den österreichischen Kaiser zu einem Überdenken der instabilen innenpolitischen Lage. Die Tschechen drängten ohne Gewalt zwar, aber unentwegt auf eine Verbesserung ihrer staatsrechtlichen Stellung in der Monarchie. Die vom Kaiser eingesetzte neue Regierung entwarf daher sogenannte 18 Fundamentalartikel, die das Verhältnis des Königreichs Böhmen zu den übrigen Teilen der Doppelmonarchie neu regeln und dieses dem Königreich Ungarn gleichstellen sollten. Die Fundamentalartikel sahen eine Krönung Franz Josephs in Prag vor. Diese versprach der Kaiser nach 1861 und 1870 nun in einem feierlichen Reskript bereits ein drittesmal.

Das Ansinnen stiess aber auf entschiedenste Opposition der Ungarn und der deutschsprachigen Österreicher, und der Kaiser beugte sich dem Druck. Die Frage der Krönung zum König Böhmens war damit ein für allemal trotz aller Zusicherungen negativ beantwortet worden, die wohl letzte ernsthafte Gelegenheit für einen dauerhaften Ausgleich mit den Tschechen versäumt. Diese setzten ihren passiven Widerstand gegen die ungeliebte Staatsmacht fort und boykottierten den Reichsrat in Wien.

3. Studium und Habilitation (1872 - 1882)

1872 schloss Masaryk am Wiener Akademischen Gymnasium mit der Matur ab. Er nahm an der Universität Wien ein Studium auf, zunächst der klassischen Philologie, wandte sich dann aber der Philosophie zu. 1876 beendete er das Studium mit der Doktorarbeit Das Wesen der Seele bei Plato. Plato sollte Masaryks Lieblingsphilosoph bleiben. Kurz darauf ging Masaryk für ein Jahr an die Universität Leipzig, wo er sich näher mit Philosophie und Theologie, namentlich dem Protestantismus, befasste. Aus diesem Aufenthalt ergab sich für ihn eine Reihe interessanter Kontakte und Erfahrungen. Unter anderem knüpfte er Beziehungen zu den Lausitzer Sorben, einem kleinen slawischen Volk inmitten des Deutschen Reiches, und befasste sich mit deren allmählicher, assimilationsbedingter Dezimierung. Es war für ihn die erste praktische Begegnung mit der Nationalitätenfrage ausserhalb seines eigenen, persönlichen Umfelds - einer Frage, die ihn künftig immer wieder und bis an sein Lebensende beschäftigen sollte.

Masaryks bedeutungsvollste in Leipzig geschlossene Bekanntschaft war jene mit der väterlicherseits einem südfranzösischen Geschlecht entstammenden Amerikanerin Charlotte Garrigue (geboren wie Masaryk 1850). Ihre Intelligenz und Bildung, Gedankenklarheit und -tiefe, ihr den Alltag durchdringender protestantischer Glaube und ihre Prinzipientreue, nicht zuletzt aber auch ihr Äusseres weckten Masaryks lebhaftestes Interesse. Masaryk und "Charlie", wie er sie nannte, heirateten 1878 in den Vereinigten Staaten, und er stellte nach amerikanischem Brauch ihren Mädchennamen dem eigenen Nachnamen voran. Sie wurde ihm für mehr als 40 Jahre zur wichtigsten Bezugsperson, in gefühlsmässiger wie intellektueller Hinsicht. Mit bewundernswerter Entschlossenheit war sie nach dem Umzug nach Prag bestrebt, sich in die ihr sprachlich und kulturell fremde Umgebung einzuleben. Sie lernte Tschechisch, befasste sich mit tschechischer Geschichte und Kultur und widmete sich publizistisch dem Komponisten Smetana. Wie ihr Mann vertrat sie für die damalige Zeit unorthodoxe Ansichten, etwa bezüglich der Frauen- und Sozialrechte. Sie wurde Mitglied der Sozialdemokratischen Partei und engagierte sich aktiv in der Frauenbewegung. Überdies nahm sie regen Anteil an Masaryks Tätigkeit. In seinen unzähligen Kontroversen und Kämpfen stand sie ihm stets zur Seite und teilte mit ihm auch die bittersten Anfeindungen. Ihr empfindsamer Geist verkraftete jedoch die schweren Entbehrungen und Verfolgungen, denen sie mit ihren Kindern in Prag während Masaryks Widerstandskampf zur Zeit des 1. Weltkriegs ausgesetzt war, nicht. Psychisch unheilbar erkrankt, verbrachte sie Jahre unter medizinischer Obhut in einer Heilanstalt. Sie starb 1923.

1879, im gleichen Jahr, in dem die Tschechen die Mitarbeit im österreichischen Reichsrat wieder aufnahmen, habilitierte sich Masaryk als Privatdozent für Philosophie an der Universität Wien mit der Arbeit Der Selbstmord als sociale Massenerscheinung der Gegenwart. Es war dies eine der ersten Arbeiten überhaupt, die sich mit dem Phänomen des Suizids befassten, und Masaryk erregte mit seiner prägnant formulierten Analyse Aufsehen. Trotz dieses persönlichen und gesellschaftlichen Erfolges waren die materiellen Verhältnisse der Masaryks bedrückend, denn die Einkünfte reichten für die seit 1880 vierköpfige Familie nicht aus. Dies obwohl Masaryk zusätzlich private Vorlesungen hielt, vorübergehend als Hilfslehrer an einem Gymnasium tätig war und Privatstunden erteilte. Wegen ihrer Not trugen sich Masaryk und seine Frau eine Zeitlang mit dem Gedanken, in die Vereinigten Staaten auszuwandern. 1880 konvertierte Masaryk zur evangelisch-reformierten Religion. Es war dies der Abschluss einer schon Jahre währenden Entwicklung des einst glühenden Katholiken. Sein Verhältnis zur katholischen Kirche war seit seiner Gymnasialzeit getrübt und erlitt 1870, als das päpstliche Unfehlbarkeitsdogma verkündet wurde, einen ernsthaften Schlag. Die eingehende Auseinandersetzung mit dem Protestantismus in Leipzig und die Heirat mit einer Frau protestantischer Konfession steigerten in der Folge Masaryks Entfremdung vom Katholizismus, bis er sich schliesslich ganz von ihm abwandte, ohne allerdings deswegen weniger religiös geworden zu sein. Von der positiven Kraft des Glaubens blieb Masaryk sein Leben lang felsenfest überzeugt.

1880 erhielt Masaryk aus Prag das Angebot einer ausserordentlichen Professur an der neuerrichteten tschechischen Universität. Seine innere Reaktion auf dieses Angebot war zwiespältig. Einerseits fühlte er sich als Tscheche, und die Vorstellung, im politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Zentrum des Königreichs Böhmen zu leben und zu wirken, muss er als Herausforderung empfunden haben; ausserdem bestand für ihn, dem eine Professorenlaufbahn vorschwebte, in Wien keine Aussicht auf eine baldige ordentliche Professur und damit auf einen sicheren Verdienst. Andererseits aber war ihm die Prager Welt fast völlig unbekannt, er fürchtete deren provinzielle Verhältnisse - zu Recht, wie sich zeigen sollte - und misstraute den eigenen Kenntnissen der tschechischen Sprache. Ein für jede Auswanderer- und Flüchtlingsgeneration wiederkehrendes Dilemma: das rein emotionale Gefühl geistig-historischer Zusammengehörigkeit mit der Herkunftsnation im Widerstreit mit der rational unleugbaren, aktuellen Entfremdung von dieser.

Masaryks Skepsis war zwar gross, doch nahm er das Angebot wegen der Aussicht auf ein gesichertes Einkommen an - und vielleicht auch wegen seiner Frau, die Wien nicht mochte. Es ist bezeichnend für das damalige Auftreten Masaryks in Wien, dass er den Ruf eines in Nationalfragen nicht besonders engagierten Dozenten hatte: Der österreichische Unterrichtsminister schrieb in seinem Nominationsvorschlag zuhanden des Kaisers, Masaryk werde an der Prager Universität innerhalb des tschechischen Professorenkollegiums "ein mässigendes Element" bilden. 4. Professur, Handschriftenstreit, Eintritt in die Politik, erstes Reichsratsmandat (1882 - 1893)

1882 verliessen die Masaryks Wien und zogen nach Prag um. Masaryk nahm Vorlesungen in Philosophie auf, die ersten über David Hume und Blaise Pascal. Zwar zog es ihn eher zur Soziologie hin, doch war diese in Österreich noch nicht als Wissenschaft anerkannt.

Es war wohl nicht von ungefähr, dass Masaryk trotz umfassender Kenntnisse der deutschen Philosophie (Kant, Herder, Fichte, Hegel, Schopenhauer, Marx u.a.) seine ersten Vorlesungen einem englischen und einem französischen Philosophen widmete. Sowenig er die Grösse der deutschen Philosophie anzweifelte, blieb sie ihm mit Ausnahme weniger Vertreter (z.B. Leibniz) dennoch fremd. In manchem stark beeinflusst hat ihn allerdings sein Lehrer Franz Brentano. Mit Kant beschäftigte sich Masaryk eingehend, doch lehnte er seinen Apriorismus und dessen gedankliche Derivate bei anderen, nicht nur deutschen Philosophen resolut ab. Allgemein lagen Masaryks Veranlagung die angelsächsische und die französische Gedankenwelt näher. Von den englischen Denkern (z.B. Hume, J.St. Mill, Darwin, Spencer, Buckle) und den französischen Autoren (Pascal, Rousseau, Diderot, de Maistre, Comte, Tocqueville etc.) wirkten einige nachhaltig auf Masaryks Geistesentwicklung ein (etwa Hume und Comte), wenngleich er keinen ohne Vorbehalte aufnahm.

Ein guter Pädagoge war Masaryk eigenem Bekunden zufolge nicht. Das öffentliche Vortragen war ihm unangenehm, rhetorisch ragte er nicht heraus und das Darlegen fremder Ideen und Theorien reizte ihn nicht. Viel lieber erörterte er mit seinen Studenten aktuelle Fragen und lud sie auch zu sich nach Hause ein. Die Studenten sahen ihn anders; für sie waren seine Vorlesungen, die heikle Themen nicht mieden und gelegentlich öffentliches Ärgernis hervorriefen, von erfrischend neuem, bisher nicht gekanntem Stil.

Langsam begann sich Masaryk in die intellektuellen und kulturellen Kreise Prags hineinzutasten. Die ersten, bald auch freundschaftlichen Kontakte knüpfte er naturgemäss zu seinen Professorenkollegen. Die befürchtete Kleinkariertheit der Prager Verhältnisse fand Masaryk bestätigt, auch an der Universität. Er vermisste einen wirklichen Meinungsaustausch. Das seit wenigen Jahrzehnten heranreifende nationale Selbstbewusstsein der Tschechen war für Masaryk zu stark von Schwärmerei und romantisierender Mystifikation geprägt. Er begann die Notwendigkeit einer analysierenden, sachlichen Selbstreflexion und eines zukunftsweisenden nationalen Konzepts zu propagieren. Zuwider war ihm der damals modische Patriotismus, der sich zumeist in öffentlich verkündeten Phrasen über Vaterlandsliebe und die glorreiche tschechische Nation erschöpfte. Voller Tatendrang bemühte sich Masaryk in seiner Umgebung um frischen Wind. Unter anderem beteiligte er sich als Redaktionsleiter an der Gründung der Monatszeitschrift Athenaeum, die kritische Artikel sowie Rezensionen wissenschaftlicher und belletristischer Publikationen abdruckte.

1885 veröffentlichte Masaryk auf tschechisch die Grundlagen einer konkreten Logik, wo er den Versuch einer Klassifizierung der Wissenschaften unternahm. 1886 wurde Masaryks Sohn Jan geboren, der spätere tschechoslowakische Botschafter in London, noch später Aussenminister der Tschechoslowakei.

Ein von Masaryk im Jahre 1886 im Athenaeum abgedruckter, nicht von ihm stammender Artikel verursachte einen regelrechten gesellschaftlichen Orkan, in dessen Verlauf Masaryks Name Berühmtheit erlangte - eine Berühmtheit allerdings, die ihm für lange Jahre Ärger und ungezählte, hasserfüllte Feinde bescherte. 1817 und 1818 waren zwei angeblich mittelalterliche tschechische Poesiehandschriften ebenso angeblich gefunden worden. Trotz gewisser anfänglicher Zweifel setzte sich die Überzeugung von deren Echtheit durch. Die Schriften wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt; die deutsche Übersetzung weckte auch die Aufmerksamkeit Goethes, der eines der Gedichte umdichtete. Die auf nationale Selbstfindung und Abgrenzung bedachten Tschechen konnten endlich, namentlich gegenüber den Deutschen, mit einem Nachweis der Ebenbürtigkeit, ja der Überlegenheit ihrer Kulturtradition auftrumpfen. Dieses Ansinnen war von den Deutschen selber genährt worden, liessen sich doch nicht selten deutsche Stimmen verlautbaren, welche die Tschechen und andere slawische Völker nicht nur auf eine tiefere Zivilisationsstufe verweisen zu können glaubten, sondern grundsätzlich deren Daseinsberechtigung bezweifelten.

Der von Masaryk publizierte Artikel behauptete nun die Unechtheit der Handschriften, von der auch Masaryk überzeugt war. Von jetzt an engagierte er sich auf Seiten der Gegner der Echtheitstheorie zuvorderst. Eine undankbarere Rolle war im damaligen politisch-kulturellen Umfeld kaum denkbar. Der sogenannte "Kampf um die Handschriften" peitschte die nationalen Leidenschaften in einer heute nur noch schwer nachvollziehbaren Intensität auf und stellte einander zwei gänzlich unversöhnliche Lager gegenüber. Wie Masaryk später beteuerte, ging es ihm keineswegs um eine Profilierung - wenn auch eine negative -, sondern um die Durchsetzung seiner Überzeugung, dass die Emanzipation einer Nation und ihr Nationalbewusstsein nicht auf einer Lüge basieren dürfen, möge der Zweck im gegebenen Zeitpunkt noch so heilig sein. Diese Ansicht war schwer zu vermitteln. Masaryk und seinesgleichen wurden als nihilistische Verräter der Nation beschimpft, bedroht und geächtet.

Obgleich nach zwei Jahren die Unechtheit der Manuskripte schlüssig bewiesen werden konnte, blieb Masaryk eine höchst umstrittene Persönlichkeit. Zu sehr hatte sein kompromissloser Einsatz nach Meinung der Befürworter der Echtheitstheorie nicht der Wahrheit, sondern der Schlechterstellung der Tschechen gedient, allzusehr war die Stimmung durch Zutun beider Seiten vergiftet. Zu oft auch äusserte sich Masaryk inskünftig öffentlich zu diversen Themen in der ihm eigenen, als provokant empfundenen Art, die ihn für Anfeindungen, manchesmal gar für die Rolle des nationalen Parias prädestinierten - sei es im Kampf gegen die weitverbreitete unreflektierte Russophilie (Masaryk besuchte Russland 1887 und 1888), gegen den Antisemitismus oder gegen die Intoleranz der katholischen Kirche.

Da Masaryks kritische Auseinandersetzung mit seiner Nation eine Entsprechung in seiner Kritik der staatlichen österreichischen Bevormundungsbürokratie fand, war er auch bei den Behörden nicht gut angeschrieben. Seinem beruflichen Fortkommen war der Kampf an zwei Fronten alles andere als zuträglich: Obwohl ihm eine ordentliche Professur innerhalb von drei Jahren nach seiner Ankunft in Prag versprochen worden war, durfte er erst 1897, später als nach ihm aufgenommene Kollegen, ordentlicher Professor werden. Er blieb es bis 1914.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis Masaryk mit seinem Interesse an der Gesellschaft und seinem stürmenden Handlungswillen den Weg in die aktive Politik gefunden haben würde. 1889 trat er gemeinsam mit einigen Freunden als Gruppe der "Realisten" an die Öffentlichkeit. Es handelte sich nicht um eine Partei mit einem festumrissenen Programm (wenngleich ein "Programmentwurf" veröffentlicht wurde), sondern um eine informelle Bewegung, welche die gesellschaftlichen Verhältnisse auf nüchtern-rationale Weise positiv zu beeinflussen trachtete; als längerfristiges Ziel schwebte auch den Realisten die politische Gleichstellung der Tschechen im Rahmen der Donaumonarchie vor. Die politische Zeitschrift Cas (Die Zeit) wurde zum Presseorgan der Bewegung; Masaryk publizierte darin während Jahren seine Ansichten zu verschiedensten Fragen.

Der deutsch-tschechische Konflikt in Böhmen entlud sich mangels einer greifbaren globalen staatsrechtlichen Lösungsmöglichkeit immer wieder in einem oftmals engstirnigen Sprachenstreit. Die Deutschböhmen verlangten, dass das Deutsche die einzige Amtssprache Böhmens sein müsse, und behinderten die Bestrebungen der tschechischen Bevölkerungsmehrheit nach Zweisprachigkeit.

So wurde die böhmische politische Szene 1890 von der Frage der sogenannten Punktationen beherrscht. Vertreter der Deutschböhmen und der Tschechen hatten unter Mitwirkung des Ministerpräsidenten Eduard Taaffe eine Vereinbarung über den Gebrauch des Tschechischen und des Deutschen in Böhmen getroffen. Die tschechische Öffentlichkeit nahm die Übereinkunft als Niederlage auf, während sie von den Deutschen als Sieg gefeiert wurde. Die Umsetzung der Punktationen scheiterte endgültig 1893 an der Obstruktion der Tschechen.

Von weiterreichender Bedeutung waren die Punktationen insofern, als die Partei der tschechischen Vertreter, die daran mitgewirkt hatten (Alttschechische Partei), von den Wählern anlässlich der 1891 stattfindenden Wahlen in den österreichischen Reichsrat desavouiert wurde. Die Wählerschaft gab den Vorzug der anderen das damalige tschechische politische Leben mitbestimmenden Partei (Jungtschechische Partei), für die ein forscheres Auftreten gegenüber dem österreichischen Staate kennzeichnend war. Trotz vieler Divergenzen waren sich 1890 die Realisten und die Jungtschechen nähergekommen; Masaryk nahm als Kandidat dieser Partei an den Wahlen von 1891 teil und gewann ein Mandat. Er lernte den österreichischen Parlamentsbetrieb kennen und beschäftigte sich, selber noch politisch unerfahren, intensiv mit politischer Literatur. Im Parlament profilierte er sich insbesondere mit Voten zur Reform des Schul- und Bildungswesens. Seine Parlamentsreden zeigen, dass er sich - damals noch - mit einer reformistischen Politik zufriedengab. Masaryks Abgeordnetenzeit dauerte allerdings nur wenig mehr als zwei Jahre. Er überwarf sich mit der jungtschechischen Partei und gab sein Mandat 1893 auf. Der Grund für den Rücktritt kam ihm nicht ungelegen, da er für die Parlamentsarbeit noch unreif zu sein glaubte und vorerst politische Erfahrung sammeln wollte.

5. Publikationen zur nationalen und sozialen Frage, Hilsner-Affäre (1893 - 1900)

Die neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts, die Masaryk rückblickend als Zeit der Gärung bezeichnete, waren auch für ihn eine Periode grösster Betriebsamkeit. Er schrieb in kurzer Abfolge mehrere Bücher, von denen Die tschechische Frage, Unsere gegenwärtige Krise (beide 1895) und Jan Hus (1896) erwähnt seien. In diesen Büchern analysierte Masaryk die tschechische Geschichte und leitete daraus für Gegenwart und Zukunft das Prinzip der Humanität als Programm der tschechischen Nation her - eine damals wie heute von zahlreichen Geschichtsphilosophen bestrittene These. Humanität war für Masaryk kein Begriff von sentimentaler Unbestimmtheit, sondern ein Synonym für bewusstes Arbeiten auf eine allseitig gerechte Gesellschaft hin - bei gleichzeitig entschlossenem Widerstand gegen humanitätsfeindliche Gegebenheiten und Tendenzen.

Hervorzuheben ist ferner das 1898 erschienene umfangreiche Werk Die philosophischen und soziologischen Grundlagen des Marxismus. Studien zur sozialen Frage; es handelt sich um eine der ersten umfassenden Auseinandersetzungen mit Karl Marx' Lehre, wenn nicht um die erste. Masaryk lehnte den Marxismus zwar ab, sympathisierte aber offen mit zahlreichen sozialpolitischen Anliegen der damaligen Sozialisten, verstand sich in diesem Sinne als Sozialist (in heutiger Terminologie als Sozialdemokrat).

Die Arbeiterschaft begann in jener Zeit immer stärker ihre Ansprüche auf gesellschaftliche Geltung anzumelden. Zur nationalen Problematik des Staates gesellte sich so die soziale. Die Regierung Taaffe erkannte diese Herausforderung der Neuzeit; auf sie gehen die Anfänge der sozialen Gesetzgebung in Österreich zurück. Auch eine Ausweitung des Wahlrechts beabsichtigte die Regierung 1893, doch führte der Widerstand konservativer Kreise zu ihrem Sturz und einem Aufschub der Wahlrechtsreformen um mehrere Jahre. Die Arbeiter reagierten mit Streiks, in Böhmen kam es zu gewalttätigen Zusammenstössen mit Todesopfern.

Die neue, auf allseitigen Ausgleich bedachte Regierung Badeni beschloss 1896 eine beschränkte Ausweitung des Wahlrechts; mit Bezug auf einen Sechstel der Abgeordneten des Reichsrates galt nun für alle männlichen Staatsbürger vom 24. Altersjahr an das allgemeine, zensusunabhängige Wahlrecht. 1897 wollte Badeni in Böhmen (und Mähren) die vollständige Gleichstellung des Tschechischen mit dem Deutschen durchsetzen; dies hätte zur Folge gehabt, dass die deutschsprachigen Beamten Böhmens, in der Regel des Tschechischen unkundig, diese Sprache hätten erlernen müssen. Gewohnheitsmässig die Beherrschung des Deutschen durch die Tschechen voraussetzend, fassten die Deutschböhmen die neue Regelung als Bedrohung auf und leisteten mit Ausschreitungen innerhalb und ausserhalb des Reichsrates derart erbitterten Widerstand, dass Badeni gestürzt und seine Sprachverordnungen aufgehoben wurden. Das wiederum rief in Prag so schwere Krawalle hervor, dass über die Stadt das Standrecht verhängt werden musste. Es war dies ein weiteres Beispiel des jahrhundertealten Hin und Her zwischen den beiden Nationen Böhmens, die ihr Zusammenleben im besseren Fall als unausweichliches Faktum, im schlimmeren als geschichtliche Verdammnis empfanden.

Gemeinsam freilich war Tschechen und Deutschen ein weitverbreiteter Antisemitismus, den Masaryk 1899 in seiner ganzen triebhaften Primitivität erfahren musste. Die sogenannte Hilsner-Affäre, an Frankreichs Dreyfus-Affäre erinnernd, wurde neben dem Kampf um die Handschriften zu Masaryks grösster menschlicher und intellektueller Belastungsprobe vor 1914. In der Nähe des böhmischen Städtchens Polná war 1899 die Leiche eines ermordeten Mädchens gefunden worden, und aufgrund von Indizien wurde der jüdische Tagelöhner Leopold Hilsner als Ritualmörder zum Tode verurteilt. Die Öffentlichkeit war wegen dieses angeblichen jüdischen Ritualmordes zutiefst empört. Masaryk, von einem seiner ehemaligen Studenten aus Wien auf den Fall aufmerksam gemacht, schrieb einen Zeitungsartikel über den christlichen Ritualmordaberglauben und stellte die Rechtmässigkeit des Hilsner-Prozesses in Frage. Damit stach er in ein Wespennest.

Eine ungeahnte Welle des Hasses von Antisemiten jeglicher Couleur schlug ihm entgegen. Die "Patrioten" überboten sich in Hetztiraden gegen den von Juden gekauften Nationalverräter Masaryk, dem mehr an einem jüdischen Nichtsnutz gelegen war als an einem unschuldigen, bestialisch umgebrachten tschechischen Mädchen. Die deutschösterreichische und die deutsche Presse agitierten ebenfalls heftig gegen ihn. Keine Schmutzattacke, auch gegen Masaryks Familie, war den Gegnern zu niederträchtig. An der Universität wurden zeitweise Masaryks Vorlesungen von einer aufgebrachten schreienden Menge verhindert. Wenige Menschen wagten es, in der entstandenen gesamtnationalen Sinnesverwirrung zu ihm zu stehen und damit selber zum gesellschaftlichen Freiwild zu werden. Masaryk, geradezu störrisch zu seinen Prinzipien stehend, ging den Kalvarienweg unbeirrt, befasste sich mit Kriminologie, reiste, schrieb und argumentierte gegen das Urteil. Was zunächst wie ein Kampf gegen Windmühlen gewirkt haben mag, wurde für Masaryk zu einer Frage der eigenen Glaubwürdigkeit. Die Angelegenheit war umso paradoxer, als Masaryk, wie er mit mutiger Offenheit im Alter einräumte, seinen eigenen gefühlsmässigen Antisemitismus, der ihm von klein auf eingeimpft worden war, nie ganz zu überwinden vermochte; nur mit der Vernunft korrigierte er die Abwege des Irrationalen.

Schliesslich setzte er sich durch, und das Urteil wurde in Revision gezogen. Hilsner wurde zwar nicht freigesprochen, doch wurde die Verurteilung wegen Ritualmordes fallengelassen. Masaryk konnte einen moralischen Sieg verbuchen, aber der menschliche Preis, den er dafür hatte bezahlen müssen, war immens. Spätestens seit der Hilsner-Affäre konnte er sich zu den umstrittensten Persönlichkeiten des böhmischen öffentlichen Lebens zählen - ein zweischneidiger, von Bewunderern und Feinden begleiteter Ruhm, den er sich nicht ausgesucht hatte. Immerhin hatte er sich durch sein beherztes Auftreten in der ausländischen Presse einen positiven Namen gemacht, von dem er während des 1. Weltkriegs in gewisser Weise zehren konnte.

Die neue Regierung Koerber, im Amt seit 1900, war vergeblich bemüht, den deutsch-tschechischen Konflikt durch eine Milderung der sozialen Gegensätze auf ökonomischem Wege zu lösen. Aus den Reichsratswahlen ging eine noch entschiedenere tschechische Opposition hervor, als dies bisher schon der Fall gewesen war. Diese liess sich vom Ministerpräsidenten nicht zur Zusammenarbeit bewegen, weil er die Sprachenfrage nur im Einvernehmen mit den Deutschösterreichern regeln wollte; von diesem Einvernehmen versprachen sich die Tschechen nichts. 6. Parteigründung, USA-Reisen, zweites Reichsratsmandat (1900 - 1914)

Im Jahre 1900 beteiligte sich Masaryk auf Drängen seiner Realisten-Gesinnungsfreunde an der Gründung der Volkspartei (später, mit einer anderen Partei fusioniert, in Fortschrittspartei umbenannt) und wurde mehr aus Pflichtbewusstsein denn aus politischer Ambition deren Vorsitzender; er war ihr politisch schwergewichtigstes "Zugpferd". Diese Realistenpartei - so wurde sie im allgemeinen genannt - erstrebte, wie Masaryk später rückblickend festhielt, über die Tagespolitik hinaus eine wissenschaftliche und kulturelle Vertiefung des politischen Lebens. In ihrem Programm wurde nebst anderem die Autonomie der Tschechen im Rahmen der Donaumonarchie postuliert. Die Argumentation der Realisten hatte sich in diesem Zusammenhang allmählich vom in Böhmen traditionell hervorgehobenen "historischen Staatsrecht", also dem Hinweis auf die einstige staatliche Suprematie des Königreichs Böhmen, zum Naturrecht (Selbstbestimmung der Nationen) verlagert.

1902 unternahm Masaryk auf Einladung der Universität von Chicago seine nach 1878 zweite Reise in die USA. Rund drei Monate verbrachte er im Land und hielt an zahlreichen Orten, oft vor tschechischen und slowakischen Einwanderern, Vorträge mit einer breiten Themenpalette: Geschichte, Philosophie, Sozialfragen, österreichische Nationalitätenpolitik. Er gewährte auch mehrere Zeitungsinterviews. Dieser Aufenthalt legte das Fundament für Masaryks späteren, nach 1914 erreichten grossen Bekanntheitsgrad in den USA, der ihm für die Realisierung seiner politischen Ziele von unverzichtbarem Nutzen war.

Der Realistenpartei gelang es nicht, über Prag hinaus eine nennenswerte Bedeutung zu erlangen. Als 1907 das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht eingeführt wurde (dessen Wahlkreiseinteilung die nichtdeutschen Nationalitäten aber nach wie vor benachteiligte), konnten die tschechische Sozialdemokratie und die Agrarpartei im Reichsrat starke Gewinne verzeichnen. Die Realisten hingegen errangen bloss zwei Sitze, deren einen Masaryk innehatte. Nach den Wahlen von 1911 blieb Masaryk in Wien gar als einziger Abgeordneter seiner Partei; und dies auch nur dank der Unterstützung durch die Sozialdemokraten, denen die Realistenpartei nahestand. Noch im Wahlkampf von 1907 wurde Masaryk in einem Flugblatt als "Judenkandidat" geschmäht und als unwählbar für jene bezeichnet, die Heimat, Glauben, Familie, Christus und Gewerbe lieben.

Masaryks zweite Abgeordnetenzeit im Reichsrat dauerte von 1907 bis 1914. Seine Anliegen blieben im Grunde dieselben wie zu seiner ersten Reichsratszeit (1891 bis 1893) - nationale Gleichberechtigung, Bildungswesen, Aussenpolitik -, doch verschärften sich seine Auseinandersetzungen. Dennoch war er immer noch überzeugt, dass eine Reformierung Österreich-Ungarns und nationale Entfaltung der Tschechen (sowie der übrigen Nationen) innerhalb der Monarchie möglich sei. Diese nationale Emanzipation war für ihn übrigens nie ein romantischer Selbstzweck, sondern immer mit handfesten sozialen, ökonomischen und kulturellen Zielen verbunden. Um diese ging es ihm primär; das Mittel zur Sicherstellung dieser Ziele war für Masaryk zweitrangig. Ein tschechischer Nationalstaat war für ihn deshalb kein Wert an sich. Er glaubte an eine positive Entwicklung innerhalb des bestehenden Staatswesens, wenn nur die Deutschösterreicher den auch für sie nützlichen, weil stabilisierenden Effekt einer tschechischen Gleichberechtigung einsähen. Die institutionellen und rechtlichen Voraussetzungen für einen auf Einsicht der Mehrheit beruhenden Wandel hielt Masaryk für gegeben. Daher auch sein Wirken im Reichsrat, das ihm als Realisten - dies nicht nur im Sinne der Parteizugehörigkeit, sondern auch und vor allem von seiner ureigensten Wesensanlage her - als ein geeignetes Forum für eine zwar schwierige, aber langfristig wirkungsvolle Überzeugungsarbeit erschien. Eine Revolution lehnte er zwar nicht absolut, jedoch für sich (noch) ab. Seine Hoffnung auf eine Reformierbarkeit Österreich-Ungarns wurde allerdings in den letzten Jahren vor dem Ausbruch des 1. Weltkriegs immer schwächer. Der Ruf nach einer vollständigen Loslösung der Tschechen von der Monarchie erklang in Böhmen bis 1914 selten; zu utopisch war diese Vorstellung damals, weil nicht nur Wien, sondern auch die Deutschböhmen selber - majorisiert zu werden war für sie unvorstellbar - dieses Ansinnen nie hingenommen hätten. Ausserdem sahen auch viele Tschechen in ihrer Einbettung in ein grösseres Staatsgebilde einen Schutz gegen das als expansiv und bedrohlich wahrgenommene Deutsche Reich. Österreich in seiner aktuellen Ausgestaltung mochten sie nicht, das Deutsche Reich aber fürchteten sie.

1907 wurde Masaryk wiederum in die USA eingeladen. Er folgte der Einladung nach seiner Wahl zum Abgeordneten des österreichischen Reichsrates, und schon als solchem war ihm eine interessierte Aufnahme gewiss. Besonders gross war das Interesse von Seiten der zahlreichen tschechischen Immigranten. Bestimmten Kreisen war Masaryks Name mittlerweile ein Begriff geworden. Masaryk wurde in verschiedenen Zeitungen erwähnt und die jüdische Gemeinde in New York, eingedenk seines Kampfes gegen den Antisemitismus, bereitete ihm einen feierlichen Empfang. Dieser USA-Aufenthalt vermehrte und vertiefte Masaryks Kontakte zu verschiedenen Persönlichkeiten und Gemeinschaften, auf die er während des 1. Weltkriegs zurückgreifen konnte. Trotz nüchterner Betrachtung und mancher Vorbehalte schätzte Masaryk den überall verspürten Pioniergeist der Amerikaner und ihre Offenheit.

Von den Affären und Skandalen, in die Masaryk in jener Zeit involviert war, sei hier nur der Prozess von Zagreb genannt. Das Eingreifen Masaryks entwickelte sich für ihn zu einem regelrechten und vielbeachteten Zweikampf mit höchsten Regierungskreisen, namentlich mit dem Aussenminister. 1909 waren 53 Kroaten und Serben von den österreichisch-ungarischen Behörden des Hochverrats angeklagt worden. Bei einer Verurteilung hätte den angeblichen Verschwörern die Todesstrafe gedroht. Mit engagiertem Einsatz arbeitete sich Masaryk in den Fall ein, unternahm zahlreiche Reisen auf den Balkan und überführte schliesslich vor dem Reichsrat das Aussenministerium eines teilweise dilettantisch ausgeführten Komplotts gegen die Angeklagten. Wien hatte diesen Schauprozess im Zusammenhang mit der Rechtfertigung seiner Annexion von Bosnien und Herzegowina (1908) gebraucht. Die beschämende Enthüllung des Abgeordneten Masaryk, der für Regierung und Kaiser zu den verhasstesten Gestalten gehört haben muss, warf auf die Monarchie ein äusserst zweifelhaftes, von den westeuropäischen Mächten aufmerksam vermerktes Licht.

Nach 1887 und 1888 reiste Masaryk im Jahre 1910 ein drittesmal nach Russland, das ihn seit jeher faszinierte und beschäftigte. Mit Tolstoi verband ihn eine trotz mancher Widersprüche sehr freundschaftliche Beziehung. Er durfte sich zu den besten Russlandkennern seiner Zeit zählen. Gerade deshalb geriet er in häufigen Streit mit den schwärmerischen tschechischen Russophilen, die sich von einem alle Slawen befreienden Russland das Heil versprachen, ohne die politische und soziale Realität des Zarismus wahrnehmen zu wollen. Seine Erkenntnisse fasste Masaryk 1913 in seinem Opus magnum Russland und Europa (Untertitel: Zur russischen Geschichts- und Religionsphilosophie) zusammen, welches bis heute als unentbehrlich und unübertroffen gilt. Dass jenes Russland, das er kennengelernt hatte, für die slawischen Völker keine zukunftsweisende Perspektive sein konnte, drückte er im prägnanten Satz aus: "Russland ist, was Europa war."

7. Ausbruch des 1. Weltkriegs und Aufnahme des Widerstandskampfes (1914 bis Februar 1916)

Mit dem Ausbruch des 1. Weltkriegs Ende Juli 1914 begann für den bereits 64jährigen Masaryk der dramatischste Abschnitt seines Lebens, der ihn wohl gegen alle - auch eigene - Erwartungen zu einer historischen Persönlichkeit hat werden lassen. Schon bald fasste er den Entschluss, sich im ausgebrochenen Weltbrand gegen Österreich zu engagieren; er hatte bereits Pläne für einen eigenständigen tschechisch-slowakischen Staat. Dass er jedoch zur Schlüsselfigur des tschechischen Widerstandskampfes werden und als solche wesentlich zur Auflösung Österreich-Ungarns beitragen würde, ahnte er nicht. Nachdem er im September und Oktober 1914 zwei legale, jedoch konspirative Reisen in die Niederlande unternommen hatte, verreiste er im Dezember 1914 erneut; diesmal wollte er für wenige Wochen nach Italien und in die Schweiz. Aus wenigen Wochen wurden vier Jahre. Masaryk wurde während seines Aufenthalts in der Schweiz gewarnt, dass ihm nach der Rückkehr die Verhaftung drohe. Um sich dieser zu entziehen, blieb er im Ausland. Wie schon mehrmals in seinem Leben, wurde er derweise in eine neue Situation versetzt. Und wie immer stellte er sich der neuen Lage und entwickelte daraus entsprechende Aktivitäten, die er in der Folge mit letzter Konsequenz durchzog.

Es war also in der Schweiz - schwergewichtig in Genf -, wo Masaryk eine Exilbewegung für den Kampf gegen Österreich-Ungarn zu organisieren begann. Hiefür war die Schweiz als Nachbarland der Kriegsparteien ein günstiges Territorium. Aber es dauerte bis Juli 1915, bevor Masaryk den Kampf offen aufnahm, und gar bis November 1915, bis seine Widerstandstätigkeit einen offiziellen Rahmen erhielt. In dieser Zeit waren zahlreiche Vorbereitungsarbeiten zu leisten; vor allem mussten finanzielle Mittel besorgt und Kontakte zu zahlreichen tschechischen Exilgruppen (Schweiz, Frankreich, Grossbritannien, USA, Russland etc.) sowie ausländischen Politikern und Publizisten geknüpft werden ("Lobbying" für die Anliegen einer weitgehend unbekannten Nation). Ferner war die Koordination mit dem Prager Untergrund sicherzustellen. Der Entschluss zum Widerstandskampf kann Masaryk aus zweierlei Gründen nicht leichtgefallen sein. Der unermüdliche Verkünder des Humanitätsideals mit grösster Skepsis gegenüber blutigen Umstürzen griff nun in den schlimmsten aller bisherigen Kriege ein und benutzte ihn zur Realisierung seiner politischen Vorstellungen; einen kurzen Krieg durfte er sich nicht wünschen, da ein solcher ein Ende der Habsburgermonarchie kaum zur Folge gehabt hätte. Zudem liess er in Prag seine Ehefrau und drei (erwachsene) Kinder zurück, von denen eines, der Maler Herbert Masaryk, gerade in jener Zeit an einer Typhusansteckung durch Kriegsflüchtlinge starb. Eine breitangelegte Auslandaktion Masaryks verhiess seiner Familie nichts Gutes. Nur seine 24jährige Tochter Olga war bei ihm und teilte sein Schicksal.

Im Juli 1915, anlässlich der Feierlichkeiten zum 500. Jahrestag der Verbrennung des tschechischen Reformators Jan Hus durch das Konzil in Konstanz, brach Masaryk erstmals öffentlich mit der Donaumonarchie. Am 4. Juli hielt er in Zürich vor schweizerischem und tschechischem Publikum eine Ansprache, worin er die staatliche Selbständigkeit der Tschechen ausserhalb Österreichs forderte. Zwei Tage später fand in Genf, wo Masaryk während seines Schweizaufenthaltes lebte, eine ähnliche Veranstaltung statt. Beide Anlässe waren eine eindeutig antiösterreichische Manifestation der in der Schweiz lebenden tschechischen Gemeinde. Die schweizerische Landesregierung verfolgte dies mit geringer Begeisterung und liess auf Betreiben der österreichischen Behörden die Aktivitäten der tschechischen Vereine in der Schweiz untersuchen. Deren Mitglieder mussten inskünftig diskreter vorgehen, um nicht eine Ausweisung zu riskieren; für Österreich waren sie Teil einer Bewegung, der nichts weniger als Hochverrat angelastet wurde - ein Delikt, das mit der Todesstrafe geahndet wurde.

Anfangs September 1915 verliess Masaryk Genf und reiste über Paris nach London. Paris war nach seiner Einschätzung das militärische, London das politische Zentrum der Alliierten. London erachtete er als den günstigsten Wirkungsort für seine Bemühungen. In Paris blieb sein engster Mitarbeiter, Dr. Edvard Bene?. An der Londoner Universität, die Masaryk eine Professur am Institut für slawische Studien gewährt hatte, hielt er im Oktober 1915 eine Antrittsvorlesung über das Problem der kleinen Völker in der europäischen Krise. Der britische Premierminister Herbert Asquith, der an der Teilnahme verhindert war, liess eine Grussbotschaft verlesen. Mit seinem Vortrag brach Masaryk in gewissem Sinne eine Lanze, denn die Vorstellung einer vollständigen Auflösung Österreich-Ungarns und der politischen Unabhängigkeit der mittel- und osteuropäischen Nationen war in den westlichen Staaten bis anhin fremd gewesen.

Seit Frühjahr 1915 stand Masaryk im Kontakt mit auslandtschechischen Organisationen und deren Vertretern. Im Herbst desselben Jahres schlossen sich diese in Paris unter slowakischer Beteiligung zum Comité d'action tchèque à l'étranger zusammen. Am 14. November 1915 verkündete das Komitee nach Rücksprache mit dem Prager Widerstand die Errichtung eines unabhängigen "tschechoslowakischen Staates" als politisches Ziel. Dieses Datum betrachten die Historiker als den Startschuss zur tschechisch-slowakischen Revolution gegen Österreich-Ungarn. Das provisorische Komitee wurde im Februar 1916 durch den Tschechoslowakischen Nationalrat ersetzt und Masaryk zu seinem Vorsitzenden bestimmt.

8. Erste politische Erfolge, Exilarmee, Russlandaufenthalt (Februar 1916 bis April 1918)

Anfang Februar 1916 wurde Masaryk vom französischen Ministerpräsidenten Aristide Briand zu einem Gespräch empfangen. Vermittelt hatte dieses Zusammentreffen ein weiterer enger Weggefährte Masaryks, der Slowake Milan R. ?tefánik, Offizier der französischen Armee. Wiederum betonte Masaryk die Notwendigkeit einer Aufgliederung Österreich-Ungarns in mehrere Teile und konnte damit Briand überzeugen. Diese Unterredung fand nicht nur in der französischen, sondern auch in der britischen Presse Erwähnung, und Masaryk wusste sie geschickt in weiteren diplomatisch-propagandistischen Erfolg umzumünzen. Allmählich begann die Idee des Selbstbestimmungsrechts der kleinen europäischen Nationen ins allgemeine Bewusstsein einzudringen. Sie fand sich unausgesprochen in der Antwort der Alliierten vom Januar 1917 auf eine Note des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson vom Dezember 1916, in der die Rechte kleiner Nationen erwähnt worden waren. Die Antwort der Alliierten wurde von der tschechisch-slowakischen Widerstandsbewegung als ein grosser Erfolg verzeichnet; eine der darin genannten Friedensbedingungen war nämlich die Befreiung der Tschechen und Slowaken von der Fremdherrschaft. Die Alliierten schwiegen sich zwar darüber aus, ob dies innerhalb oder ausserhalb Österreich-Ungarns geschehen sollte, doch jedenfalls war damit - Masaryk hatte ein Zwischenziel erreicht - die tschechoslowakische Frage zu einer internationalen geworden.

Zu den vordringlichsten Aufgaben, die sich der Tschechoslowakische Nationalrat und Masaryk gestellt hatten, gehörte die Gründung einer auf Seiten der Alliierten kämpfenden tschechoslowakischen Exilarmee. Sie sollte die Alliierten von der Entschlossenheit und Schlagkraft des tschechischen und slowakischen Widerstandes gegen Österreich-Ungarn überzeugen. In ganz Europa und Amerika lebten verstreut Tschechen und Slowaken, die sich in Freiwilligenkorps zusammenschlossen. Das Gros jedoch bildeten Männer, die als Angehörige der österreichischen Armee in Kriegsgefangenschaft geraten oder übergelaufen waren. In Russland waren sie besonders zahlreich. Gegen Ende des 1. Weltkriegs zählte die Exilarmee über 100 000 Köpfe.

Im Mai 1917, kurz nach der russischen Februarrevolution, reiste Masaryk für einige Wochen - wie er meinte; es wurde daraus fast ein Jahr - nach Russland, um die Organisierung der Armee an die Hand zu nehmen. Zehntausende von Männern in tschechoslowakischen Einheiten der russischen Armee standen bereit. Grösste politische und logistische Hindernisse waren zu überwinden, überdies in einem von inneren Wirren gebeutelten Land. Immerhin ging es um nichts Geringeres, als die russische Regierung zur Duldung einer fremden Armee auf eigenem Territorium zu bewegen und dann diese Armee auf eigene Verantwortung mit allem Notwendigen zu versorgen. Masaryks mühsame Aufbauarbeit wurde durch die Oktoberrevolution, die er in Moskau hautnah und unter Lebensgefahr miterlebte, zusätzlich kompliziert.

Im Dezember 1917 bewilligte Frankreich auf seinem Territorium die Errichtung einer tschechoslowakischen Armee, deren politische Führung dem Tschechoslowakischen Nationalrat obliegen sollte. Im Februar 1918 anerkannten die Alliierten die tschechoslowakische Armee in Russland als Teil der in Frankreich stationierten Exilarmee. Es war vorgesehen, die Armee aus Russland über den Ural, Sibirien und die USA an die westliche Kriegsfront zur Unterstützung der französischen Truppen zu verfrachten. Die Soldaten brachen auf, um Tausende Kilometer auf dem russischen Festland zu überwinden. Das kühne Ansinnen liess sich jedoch in der Folge nicht zu Ende führen. Zunächst hatte sich die Exilarmee im innerrussischen Konflikt auf strikte Anweisung Masaryks neutral verhalten und sogar zusammen mit den Russen erfolgreiche Gefechte gegen deutsche Einheiten geführt. Die Verschiffung der Soldaten aus Wladiwostok nach Europa konnte anlaufen. Dann aber geriet die Exilarmee mit den Bolschewiken in Konflikt, der zu heftigen bewaffneten Auseinandersetzungen ausartete, so dass sich die Armee buchstäblich durch Sibirien durchkämpfen musste. Zwar kam deshalb die Verschiffung aus Wladiwostok zum Erliegen, doch im Ausland, namentlich in den USA, erntete der Kampf der tschechischen und slowakischen Soldaten Bewunderung und war von grosser propagandistischer Wirkung. Die Rückkehr der Truppen der tschechoslowakischen Exilarmee aus der Sowjetunion zog sich noch zwei Jahre über das Kriegsende hin.

Während seines Russland-Aufenthalts begann Masaryk mit der Niederschrift seines politischen Programms; er schloss sie in den USA ab. Einleitend analysiert er die Ursachen des Weltkriegs, behandelt sodann die Nationalitätenfrage und beschäftigt sich abschliessend mit der Nachkriegsordnung in Europa. 1918 erschien das Werk in London unter dem Titel The New Europe.

Nach zehn Monaten in Russland drängte es Masaryk in die USA. Der Krieg war in eine entscheidende Phase getreten, und ausserdem wollte Masaryk in den USA Schiffe für den Transport der Exilarmee aus Russland nach Frankreich organisieren. Anfangs März 1918 brach er, achtundsechzigjährig, mit der transsibirischen Eisenbahn von Moskau nach Wladiwostok auf und gelangte von dort über Korea, Japan und Kanada in die USA.

9. USA-Aufenthalt, Treffen mit Präsident Wilson, Entstehung der Republik (Mai bis Dezember 1918)

Anfang Mai kam Masaryk in Chicago an. Der überwältigende Empfang mit Zehntausenden von Menschen zeugte von seinem Bekanntheitsgrad und vom wachsenden Verständnis für die von ihm repräsentierten Anliegen. Masaryk bereiste zahlreiche andere Städte, traf sich mit Immigranten tschechischer und slowakischer Herkunft (ihre Anzahl in den USA wurde auf insgesamt über eine Million geschätzt) und warb in der Öffentlichkeit für die tschechisch-slowakischen Interessen. Überall versammelte er vieltausendköpfige Mengen. Auch in New York wurde ihm ein triumphaler Empfang zuteil. Die Washington Post und die New York Times veröffentlichten Interviews mit ihm.

Sein Aufenthalt in Pittsburgh Ende Mai 1918 sollte für die Gestaltung des Verhältnisses zwischen Slowaken und Tschechen nach 1918 Bedeutung erlangen. In der sogenannten Pittsburgher Vereinbarung zwischen den amerikanischen Tschechen und Slowaken, die Masaryk mitunterzeichnete, wurden der Slowakei im künftigen gemeinsamen Staat eine eigene Verwaltung, ein eigenes Parlament und eigene Gerichte zugesichert. Die unitaristische tschechoslowakische Verfassung von 1920 berücksichtigte diese Zusicherung nicht, was zu einem nie versiegenden Quell slowakischer Unzufriedenheit wurde.

Am 19. Juni 1918 traf Masaryk im Weissen Haus in Washington mit Präsident Wilson zusammen - die erste von insgesamt vier Begegnungen, deren letzte im November 1918 stattfand. Wilson hatte noch in seinem Vierzehn-Punkte-Programm vom 8. Januar 1918 für die Völker der Habsburgermonarchie lediglich eine Autonomie innerhalb des Reichs gefordert. Wenige Wochen vor Masaryks Besuch liess er seinen Aussenminister eine etwas offenere, wenn auch unverbindliche Haltung verkünden: die Freiheitsbestrebungen der Tschechoslowaken und der Südslawen würden mit aufrichtiger Sympathie verfolgt. Masaryk setzte dem Präsidenten die Notwendigkeit einer Zerstückelung Österreich-Ungarns auseinander, die er als Voraussetzung eines Sieges gegen die Mittelmächte betrachtete. Er konnte auch auf einen sich intensivierenden Widerstand in Böhmen selber hinweisen, der sich zu einem regelrechten geistigen Aufstand gegen Österreich steigerte: Den mit Österreich verfeindeten Kriegspartnern wurde offene Sympathie bekundet, und es wurde wiederholt der Wunsch nach einer vollständigen Loslösung von Österreich manifestiert. Unter dem Einfluss der Ereignisse, möglicherweise auch des Gesprächs mit Masaryk, gelangte Präsident Wilson Ende Juni 1918 endgültig zum Schluss, dass die USA keine Rücksicht mehr auf die Erhaltung Österreich-Ungarns nehmen konnten. Der Aussenminister gab am 28. Juni 1918 bekannt, die USA strebten eine vollständige Befreiung der slawischen Völker aus deutscher und österreichischer Vorherrschaft an. Das war die entscheidende Wende in der Politik der USA, wenngleich damit noch keine offizielle Anerkennung irgendeiner Widerstandsbewegung verbunden war.

Frankreich ging weiter als die USA. Nur einen Tag später, am 29. Juni 1918, anerkannte es den Tschechoslowakischen Nationalrat als Grundlage einer künftigen tschechoslowakischen Regierung. Die Anerkennung war mehr als eine blosse Geste; erstmals sprach ein Alliierter offiziell und konkret von der künftigen Eigenstaatlichkeit der Tschechoslowaken. Dieses Primat wurde Frankreich in der nachmaligen Tschechoslowakischen Republik noch lange hoch angerechnet. Am 9. August 1918 folgte Grossbritannien dem Beispiel Frankreichs und gab eine ähnliche Erklärung ab; zudem bezeichnete es darin die Tschechoslowaken als verbündete Nation. Die USA anerkannten am 3. September 1918 den Tschechoslowakischen Nationalrat als De-facto-Regierung einer verbündeten Nation. Dies war für Masaryk und seine Mitstreiter ein wichtiger Sieg auf der diplomatischen Ebene, der sie ihrem Ziel wesentlich näher brachte.

Am 5. Oktober 1918 unterbreitete Wien den USA ein Friedensangebot, worin es Wilsons Vierzehn-Punkte-Programm, das eine Autonomie der Völker der Donaumonarchie verlangt hatte, akzeptierte. Es gab tatsächlich Hinweise darauf, dass Kaiser Karl I., Nachfolger des 1916 verstorbenen Franz Joseph I., ein Manifest über eine föderalistische Umgestaltung des Reichs vorbereitete, um den Zusammenbruch Österreich-Ungarns doch noch zu verhindern. Wie Präsident Wilson, der sich zur Idee einer Auflösung der Donaumonarchie erst nach langem Abwägen durchgerungen hatte, in diesem Fall reagiert hätte, war nicht mit letzter Sicherheit vorauszusehen.

Um dieser Situation zuvorzukommen, entschlossen sich Masaryk und seine Mitarbeiter zur Flucht nach vorn. In Paris konstituierte Edvard Bene? am 14. Oktober 1918, zwei Tage vor der Veröffentlichung von Karls Manifest, den bisherigen Nationalrat als provisorische tschechoslowakische Regierung mit Masaryk als Ministerpräsidenten. Schon tags darauf wurde die Regierung von Frankreich anerkannt. Parallel dazu begann Masaryk an einer Unabhängigkeitserklärung zu arbeiten, über die er die US-Administration vorgängig informierte. Am 18. Oktober 1918 proklamierte Masaryk namens der provisorischen Regierung einen unabhängigen tschechoslowakischen Staat. In dieser sogenannten Washingtoner Deklaration berief er sich auf das historische und das Naturrecht und bekannte sich zu den demokratischen Prinzipien der USA sowie Frankreichs. Sodann skizzierte er die Grundcharakteristika des neuen Staates: Republik mit parlamentarischer Regierungsform, garantierte Grundrechte der Bürger, Trennung von Kirche und Staat, allgemeines Wahlrecht, Gleichberechtigung der Frauen, Minderheitenschutz und weitreichende soziale Reformen (Enteignung des Grossgrundbesitzes und Abschaffung aristokratischer Vorrechte). Präsident Wilson bewies Standfestigkeit und reagierte auf die tschechoslowakische Unabhängigkeitserklärung positiv. Mit Erklärung vom 18. Oktober 1918 lehnte er das Friedensangebot Wiens unter Hinweis auf die Unabhängigkeitsbestrebungen der Tschechoslowaken und der Südslawen ab; die USA könnten sich mit einer blossen Autonomie dieser Völker nicht mehr zufriedengeben, diese müssten selber entscheiden, ob sie die Vorschläge Wiens annähmen oder nicht. Damit war das Ende der Donaumonarchie besiegelt.

Am 28. Oktober 1918 akzeptierte Wien Präsident Wilsons Erklärung vom 18. Oktober und bot den sofortigen Waffenstillstand an. Gleichentags kam es in Prag zu einem gewaltlosen politischen Umsturz; dieser Tag gilt offiziell als der Gründungstag der Tschechoslowakischen Republik. Um einem rechtlosen Zustand vorzubeugen, ordnete das erste Gesetz des Tschechoslowakischen Nationalausschusses in Prag die Weitergeltung sämtlicher Gesetze Österreich-Ungarns in der neuentstandenen Republik an (sogenanntes Rezeptionsgesetz). Am 30. Oktober bestätigten die Slowaken an der Gründungsversammlung des Slowakischen Nationalrates den Zusammenschluss der Slowakei mit den böhmischen Ländern. Am 13. November verkündete der Nationalausschuss eine provisorische Verfassung; einen Tag später wählte das aus dem Nationalausschuss hervorgegangene Revolutionsparlament Masaryk zum Staatspräsidenten. Im Revolutionsparlament war keine der nationalen Minderheiten (namentlich keine Deutschen und Ungarn) vertreten. Am 4. Dezember 1918 wurde die Tschechoslowakei von den Alliierten anerkannt.

Nach der Rückkehr aus den USA und einem kurzen Aufenthalt in Frankreich und Italien betrat Masaryk Prag am 21. Dezember 1918, begrüsst von einer jubelnden Menge.

10. Konsolidierung des neuen Staates, Präsidentschaft, die Republik und ihr Ende (1918 - 1939)

Die neue Republik hatte zunächst um ihren Gebietszusammenhalt zu kämpfen. Die deutschbevölkerten Landesteile, denen die Zugehörigkeit zum neuen Staat unannehmbar schien, unternahmen schon Ende Oktober 1918 konkrete Schritte zu ihrer Angliederung an das Deutsche Reich bzw. an Österreich. Ungarn war nicht gewillt, die Slowakei, die tausend Jahre lang zu ihrem Gebiet gehört hatte, kampflos preiszugeben. Tschechoslowakische Einheiten griffen im Herbst 1918 und Frühjahr 1919 militärisch ein, um einen Zerfall des kaum entstandenen Staatswesens zu verhindern.

Masaryk selber war entschlossen, eine Zergliederung des Landes zu vereiteln, selbst um den Preis eines möglichen künftigen Minderheitenproblems. Eine freiwillige Abtretung der überwiegend von Deutschen bevölkerten Gebiete Böhmens und Mährens lehnte er strikt ab; nicht nur aus historischen, sondern - und vor allem - aus strategischen sowie ökonomischen Gründen. Der neue Staat wäre nicht nur natürlicher Grenzen beraubt worden, er hätte auch reichhaltige Bodenschätze verloren, und es wäre ein seit Jahrhunderten bestehender einheitlicher Wirtschaftsraum zerrissen worden.

Die endgültigen Staatsgrenzen der Tschechoslowakischen Republik wurden von den Siegermächten von 1919 bis 1920 sukzessiv festgelegt (Friedensverträge von Versailles, St. Germain, Trianon und Sèvres), wobei den Vorstellungen der Tschechen und Slowaken weitgehend entsprochen wurde. Als autonomes, selbstverwaltetes Gebiet teilte der Friedensvertrag von St. Germain der Tschechoslowakei auch Karpathorussland, den westlichsten Zipfel der Ukraine, zu. Dieses hatte zuvor zum Königreich Ungarn gehört. Die Angliederung an die Tschechoslowakei erfolgte auf Wunsch der Repräsentanten Karpathorusslands, nachdem der Zentrale Nationalrat der Karpathorussen im Mai 1919 in diesem Sinne beschlossen hatte. Das Ideal der Karpathorussen wäre ein eigenständiger Staat gewesen, doch bestand keine Aussicht darauf.

Paradoxerweise hatte somit die neuentstandene Tschechoslowakei von Anfang an das gleiche Grundproblem zu bewältigen, das Österreich-Ungarn zum Verhängnis geworden war: sie war ein Vielvölkerstaat. Gemäss Volkszählung von 1921 waren von den knapp 13,5 Mio. Einwohnern 50% Tschechen (6,7 Mio.), 15% Slowaken (2 Mio.), 23% Deutsche (3,1 Mio.), 5,5% Ungarn (750 Tsd.) und 3,5% Karpathorussen (460 Tsd.). Für ein richtiges Verständnis des Minderheitenproblems der Tschechoslowakei ist jedoch die geographische Verteilung dieser nationalen Gruppen wichtig: in Böhmen und Mähren betrug der Anteil der Deutschen ein ganzes Drittel, in der Slowakei der Anteil der Ungarn über 20% und in Karpathorussland der Anteil der Karpathorussen über 60%.

Mit der Gründung der Tschechoslowakischen Republik ging auch eine Bodenreform einher, in deren Rahmen der Grossgrundbesitz enteignet wurde. Die Aktion war sozial und national motiviert, denn die Grossgrundbesitzer waren vielfach (vormalige) Deutschösterreicher, oft Aristokraten. Masaryk selber hatte im Neuen Europa keinen Hehl daraus gemacht, dass es darum gehen würde, die von den Habsburgern im Zuge der Gegenreformation seit 1621 durchgeführten Konfiskationen von drei Vierteln des gesamten Bodens möglichst rückgängig zu machen.

Die Nationalversammlung - es war immer noch die im November 1918 aus dem Nationalausschuss entstandene - verabschiedete am 29. Februar 1920 eine neue, definitive Verfassung, welche die provisorische von 1918 ersetzte und bis 1938/39 galt. Sie stützte sich auf die Verfassungen Frankreichs und der USA, aber auch - namentlich bei den Grundrechten - auf die österreichische Dezemberverfassung von 1867. Des weiteren wurden Textpassagen aus den nach dem 1. Weltkrieg abgeschlossenen Friedensverträgen, besonders jenem von St. Germain (1919), z.T. wörtlich übernommen (Minderheitenschutz und Stellung Karpathorusslands). Die Verfassung ging von der Idee einer einheitlichen tschechoslowakischen Nation aus (schon die baldige Zukunft sollte zeigen, dass dies eine Fiktion war), sah die Gewaltenteilung sowie ein Parlament mit zwei Kammern vor und enthielt ein Kapitel über Grundrechte und -freiheiten. Alle Staatsbürger waren vor dem Gesetze gleich, Mann und Frau gleichberechtigt. Die Stellung des Präsidenten der Republik, zu der Masaryks Meinung eingeholt worden ist, war zwar nicht vernachlässigbar, aber auch nicht übermässig stark. Einerseits war er ausser bei Hochverrat unabsetzbar, war jeder Verantwortung für seine Amtsausübung entledigt, hatte das Recht des suspensiven Vetos gegenüber Gesetzesvorlagen, konnte die Nationalversammlung einberufen, vertagen oder auflösen und war Oberbefehlshaber der Armee. Andererseits aber konnte der Präsident keine eigenen Gesetzesvorlagen einbringen, und es bedurfte jeder seiner Regierungsakte zur Gültigkeit der Mitunterzeichnung durch das verantwortliche Regierungsmitglied. Ohne diese war der Akt nichtig.

Masaryk wurde in seiner Funktion als Staatspräsident 1920, 1927 und 1934 bestätigt.

1925 veröffentlichte er sein politisch-philosophisches Hauptwerk, Die Weltrevolution, seine Erinnerungen an die Kriegszeit und zugleich sein letztes Buch. Er erörterte darin die Kriegsgründe und zeigte den Entstehungsprozess der Tschechoslowakischen Republik unter dem Blickwinkel seiner Geschichtsphilosophie auf.

Mit Interesse und Sympathie verfolgte Masaryk bis ins hohe Alter die Bestrebungen um eine Einigung Europas. So wie er zur Zeit der Monarchie kein apriorischer Gegner der österreichischen, mehrere Völker umspannenden Staatsidee war, genauso prophezeite und begrüsste er eine immer enger werdende Verbindung der europäischen Nationen. Der aus Böhmen stammende Hauptprotagonist der paneuropäischen Bewegung, Graf Richard Coudenhove-Calergi, seit 1918 tschechoslowakischer Staatsbürger, bezeichnete Masaryk als einen wahren Europäer und als die grösste moralische Autorität unter den Staatsmännern Europas. Masaryk erschien ihm daher als die ideale Persönlichkeit, um seinen Plan einer europäischen Union zu unterstützen und die Führung der Paneuropa-Bewegung zu übernehmen. Diesem Wunsch konnte Masaryk wegen den Belastungen des Präsidentenamtes nicht entsprechen, doch half er die europäische Idee propagieren, wo es ihm möglich war. Die Vision der Vereinigten Staaten von Europa hielt er für realistisch, wenn auch nur auf längere Sicht.

Gelegentlich wird die Meinung vertreten, dass die Präsidentschaft für Masaryk selber eher ein Unglück bedeutet habe. Zwar war für ihn die Führung des neuen Staates eine grosse Genugtuung, und er konnte sich hierbei auf eine beinahe unumschränkte moralische Autorität und Sympathie stützen. Aber der alte Kämpfer und Streiter, der sein Leben lang selten ein Blatt vor den Mund genommen hatte, war nun institutionell eingebunden. Bei seinen Interventionen in die Politik und das übrige öffentliche Leben musste er Zurückhaltung üben und vielerlei Rücksichten nehmen. Die Rolle eines auf seinem Herrscherpodest entrückten Landesvaters, eines lebendigen Denkmals gewissermassen, behagte ihm im Grunde genommen nicht. Wollte er aber das Geschick des massgeblich von ihm kreierten Staates mitbestimmen, und das wollte er, so blieb ihm keine andere Wahl.

Eine ausführliche historisch-politische Würdigung der Zwischenkriegs-Tschechoslowakei, die unter der Bezeichnung Erste Tschechoslowakische Republik in die Geschichte eingegangen ist, würde den Rahmen dieses Kapitels sprengen. Eine einheitliche Meinung besteht bis heute nicht. Die Optik divergiert zumeist je nachdem, ob sie aus dem tschechischen oder dem slowakischen Blickwinkel erfolgt, ganz zu schweigen von der Sicht der Deutschen, Ungarn und anderer Nationalitäten der Vielvölkerrepublik. Bei der Beurteilung eines derart komplexen, vielschichtigen und facettenreichen Gefüges wie demjenigen eines Staatswesens kann naturgemäss praktisch jede Betrachtungsweise ihren Teil der Wahrheit für sich beanspruchen. Nicht ernsthaft bestritten werden kann jedoch, dass die Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit - besonders im Vergleich zu den Nachbarstaaten - ihren Bürgern ein Höchstmass an individueller Freiheit und persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten bot. Die kulturelle, nie wieder erreichte Blüte jener Epoche, aber auch der weitgehend ungehinderte Aufstieg politischer Parteien mit staatszersetzender Zielsetzung legen hievon ein beredtes Zeugnis ab. Diese Freiheit machten sich auch die nationalen Minderheiten zunutze, die zwar in manchem benachteiligt waren, jedoch nie systematisch unterdrückt oder gar verfolgt wurden. Nicht wenige Vorwürfe besonders der deutschen Minderheit an die Adresse der Tschechen mögen ihre Berechtigung gehabt haben; sie manifestierten indessen grosse Ansprüche an eine im Regieren noch unerfahrene Nation, Ansprüche, denen die Deutschen selber bis 1918 nicht gerecht zu werden verstanden hatten.

Gegen Ende 1935 gab der fast 86jährige Masaryk das Präsidentenamt aus Gesundheitsgründen auf. Aussenminister Edvard Bene?, sein langjähriger und vertrautester Mitarbeiter aus der Zeit des 1. Weltkriegs, wurde vom Parlament zu seinem Nachfolger gewählt, was Masaryks Wunsch entsprach. Am 14. September 1937 starb Masaryk. Der Grossteil der Bevölkerung sah, tief bewegt, in diesem Tod angesichts des erstarkenden nationalsozialistischen Deutschland ein böses Omen. Ziemlich genau ein Jahr später wurde die Republik durch das Münchner Abkommen, das ohne Mitwirkung tschechoslowakischer Repräsentanten zustandegekommen war, faktisch aufgelöst. Die vollständige Zerschlagung des Staates erfolgte im März 1939, als die Truppen des Dritten Reiches einmarschierten und das "Protektorat Böhmen und Mähren" errichteten. Die Slowakei wurde ein formell selbständiger, tatsächlich jedoch von Deutschland vollständig abhängiger Staat. Es war dies der Auftakt zu einer sechsjährigen Schreckensherrschaft, die ihr Ende mit der Tragödie der Auslöschung deutscher Kultur in Böhmen und Mähren nahm.

Von den 50 Jahren ruhiger Entwicklung, die Masaryk als unerlässliche Voraussetzung einer dauerhaften inneren und äusseren Konsolidierung der Tschechoslowakei erachtete, waren ihr nur 20 vergönnt.